Didgeridoo, Schlafapnoe und Klinefelter – kann Training der oberen Atemwege helfen?

Ein Didgeridoo verbindet man zunächst mit Australien, tiefen vibrierenden Klängen und einer ungewöhnlichen Atemtechnik. Dass das Instrument auch bei obstruktiver Schlafapnoe interessant sein könnte, überrascht. Doch die Idee dahinter ist durchaus nachvollziehbar: Beim Spielen werden Lippen, Wangen, Zunge, weicher Gaumen und Rachenmuskulatur intensiv beansprucht – also Bereiche, die auch beim Offenhalten der oberen Atemwege eine Rolle spielen.

Für Menschen mit Klinefelter-Syndrom ist das Thema besonders interessant, weil Schlafprobleme und Schlafapnoe auch innerhalb unserer Selbsthilfe immer wieder zur Sprache kommen. Das Didgeridoo ist dabei keine Therapie speziell für Klinefelter, sondern ein möglicher ergänzender Ansatz bei obstruktiver Schlafapnoe.

Wenn Musizieren zum Muskeltraining wird

Der Physiotherapeut und Didgeridoo-Lehrer Matthias „Mad Matt“ Eder hat ein Programm speziell für Einsteigerinnen und Einsteiger mit Schlafapnoe entwickelt. Dabei geht es um weit mehr, als dem Instrument möglichst schnell einen Ton zu entlocken.

Übungen aus Physiotherapie und Stimmbildung werden mit Atem- und Körperwahrnehmung und dem eigentlichen Didgeridoospiel verbunden. Trainiert werden Beweglichkeit, Wahrnehmung und muskuläre Kontrolle im Mund- und Rachenraum. Erst allmählich kommen Grundton und die berühmte Zirkularatmung hinzu.

Bei ihr wird Luft aus den gefüllten Wangen durch den Mund abgegeben, während gleichzeitig durch die Nase eingeatmet wird. Das verlangt erstaunlich viel Koordination. Matthias Eder nennt einen Teil dieses Trainings augenzwinkernd „Gesichts-Bodybuilding“. Entscheidend ist dabei nicht Kraft, sondern regelmäßiges Üben. Empfohlen werden kurze Trainingseinheiten von etwa 15 Minuten, möglichst an mehreren Tagen pro Woche.

Was sagt die Wissenschaft?

Ganz aus der Luft gegriffen ist die Idee nicht. Bereits 2006 untersuchte eine kleine randomisierte kontrollierte Studie mit 25 Erwachsenen mit moderater obstruktiver Schlafapnoe und Schnarchen regelmäßiges Didgeridoo-Training über vier Monate. Dabei verbesserten sich unter anderem Tagesmüdigkeit und der Apnoe-Hypopnoe-Index (AHI). Auch die Schlafbeeinträchtigung der Partnerinnen und Partner nahm ab. Die Studie war allerdings klein und reicht allein nicht aus, um Didgeridoo als etablierte Therapie zu betrachten. Inzwischen wird jedoch das zugrunde liegende Prinzip – das gezielte Training von Mund-, Zungen- und Rachenmuskulatur – als myofunktionelle Therapie weiter erforscht. Auch hier gibt es Hinweise auf positive Effekte bei obstruktiver Schlafapnoe. Das Didgeridoo bleibt also in erster Linie ein Instrument. Aber eines mit einer interessanten Nebenwirkung: Atemübung, Koordination und Muskeltraining werden mit Musik verbunden. Vielleicht liegt genau darin sein besonderer Reiz. Eine Übung, die Spaß macht und bei der nach und nach Rhythmus, Obertöne und unterschiedliche Spieltechniken hinzukommen, wird womöglich regelmäßiger praktiziert als eine reine therapeutische Übung.

Ergänzung statt Ersatz

Bei diagnostizierter Schlafapnoe kann Didgeridoospielen eine bestehende Behandlung möglicherweise ergänzen. Eine verordnete Therapie – insbesondere bei mittelgradiger oder schwerer Schlafapnoe – sollte deshalb nicht eigenständig verändert oder beendet werden. Ob das regelmäßige Training persönlich etwas bewirkt, lässt sich letztlich am besten durch eine erneute schlafmedizinische Untersuchung überprüfen.

Selbst ausprobiert – und vielleicht 2027 bei uns

Regina und Dirk haben im September 2026 selbst an einem zweitägigen Schlafapnoe-Didgeridoo-Workshop mit Matthias Eder in Köln teilgenommen. Zwei Tage lang wurde ausprobiert, gespürt, geatmet und geübt: vom entspannten Grundton über die Arbeit mit Wangen-, Mund- und Rachenmuskulatur bis zu den ersten Schritten der Zirkularatmung. Dabei entstand die Idee, einen solchen Workshop auch im Rahmen unseres Vereins anzubieten. Wenn sich genügend Interessierte finden, möchten wir gemeinsam mit Matthias Eder 2027 in Köln einen zweitägigen Didgeridoo-Workshop speziell für Menschen mit Schlafapnoe organisieren. Vorkenntnisse sind nicht erforderlich. Wer sich eine Teilnahme grundsätzlich vorstellen kann, meldet sich zunächst unverbindlich unter beratung@47xxy-klinefelter.de. Sobald sich eine ausreichend große Gruppe abzeichnet, würden wir gemeinsam mit Matthias Eder einen Termin für 2027 planen.