Zwischen Diagnose und Alltag – Depressionen, Selbstzweifel und offene Fragen

Guten Tag,

ich bin 58 Jahre alt.

Bereits in meiner Kindheit und Jugend gab es verschiedene Einschränkungen, unter anderem Stottern. Auf weitere möchte ich hier nicht näher eingehen.

Seit Anfang der 1990er Jahre habe ich immer wieder Schmerzen im Brust- und Bauchbereich. Zahlreiche Untersuchungen ergaben jedoch keinen körperlichen Befund. Die Folge waren dauerhafte Ängste, ständiges In-sich-Hineinhören, Grübeln und das Gefühl, mit mir stimme etwas nicht. Diese Ängste haben mich psychisch immer wieder an meine Grenzen gebracht.

Im Jahr 2000 wurde aufgrund einer vergrößerten Brust nach verschiedenen Untersuchungen das Klinefelter-Syndrom festgestellt. Damit bekam auch der unerfüllte Kinderwunsch eine Erklärung. Kinderlos zu sein, führte bei mir im Freundes- und Bekanntenkreis oft zu dem Gefühl, nicht richtig dazuzugehören. Ich fühlte mich häufig wie ein Versager.

Versagensängste begleiten mich bis heute, insbesondere in Prüfungssituationen. Manche Dinge ziehen sich wie ein roter Faden durch mein Leben. Ich habe immer wieder versucht, mich gesellschaftlich einzubringen, unter anderem in verschiedenen Vereinen. Nach einer gewissen Zeit bin ich jedoch oft gescheitert oder habe mich zurückgezogen. Mangelndes Selbstvertrauen und starke Selbstzweifel begleiten mich bis heute.

Häufig habe ich außerdem das Gefühl, dass vieles schwer greifbar ist, Zusammenhänge nicht immer verständlich erscheinen und sich Informationen nicht so leicht miteinander verknüpfen lassen.

Seit mehr als 15 Jahren befinde ich mich – mit Unterbrechungen – in psychotherapeutischer Behandlung. Viele Erkenntnisse über meine Depressionen habe ich erst in den letzten Jahren gewonnen, auch durch unsere 47xxy-Vereinsnachrichten. Allerdings machen diese Erkenntnisse die Situation nicht unbedingt leichter.

In den vergangenen zwei Jahren war ich bei drei Psychologen, von denen zwei an unterschiedlichen Kliniken tätig sind. Alle haben mir geraten, Psychopharmaka einzunehmen. Eigentlich bin ich kein Freund von Medikamenten, doch im letzten Jahr war die Verzweiflung so groß, dass ich es mit Venlafaxin und Sertralin versucht habe. Beide Medikamente führten jedoch zu Libidoverlust und weiteren Nebenwirkungen.

Gerade beim Thema Libido empfinde ich das als schwierigen Widerspruch: Einerseits bekomme ich Testosteron, um die Libido aufrechtzuerhalten, andererseits wird sie durch die Medikamente deutlich eingeschränkt, um die Psyche zu stabilisieren. Deshalb habe ich die Präparate wieder abgesetzt. Mittlerweile sind einige Monate vergangen, ohne dass sich meine Situation verbessert hat. Vermutlich werde ich noch einmal einen Versuch mit einem anderen Medikament wagen.

Meine Fragen sind:

  • Hängen viele der beschriebenen Probleme möglicherweise mit dem Klinefelter-Syndrom zusammen?
  • Unterscheiden sich Depressionen bei Menschen mit 47,XXY von denen anderer Menschen?
  • Gibt es Psychologen oder Psychotherapeuten, die sich mit unserem Chromosomenbild auskennen und bereits Erfahrung mit Menschen wie uns haben?

Ich würde mich sehr über eure Erfahrungen und Rückmeldungen freuen.

Antworten bitte an beratung@47xxy-klinefelter.de.